Verliebt mit Maske: Wenn man in der Pandemie auf Liebe trifft

Die Corona-Pandemie trennt nicht nur Paare, manche führt sie auch zusammen. (Symbolbild)

Andrea verliebte sich in ein halbes Gesicht. „Das allein hat mich ja schon umgehauen. Ich habe die Augen gesehen und die haben ständig gestrahlt.“ Und ja, dann war noch Stephies aufgeweckte Art.

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Seit Mai sind die beiden Frauen Anfang vierzig ein Paar. Unübersehbar. Da wird getätschelt und gestreichelt, was das Zeug hält. Zwischen ihnen beiden passt kein 1,50-Meter-Corona-Abstand mehr. Und die Masken haben sie auch längst fallen lassen. Andrea: „Stephie ist Klebstoff, aber das stört mich nicht!“ Lachen. Im Gegenteil. Sie schmachten sich an. Und verbringen viel Zeit zusammen. Die getrennten Wohnungen bleiben aber.

Stephie half im integrativen Supermarkt aus

Stephie ist Förderschullehrerin. Mit dem Shutdown waren die Schulen geschlossen. Sie erstellte Schulmaterialien, stellte sie online, tauschte sich mit Schülern aus. Aber es blieb Zeit übrig. Deshalb hieß es an ihrer Förderschule: „Wer hat Lust, in dem integrativen Supermarkt in Neu-Ulm, in dem Menschen mit Beeinträchtigungen arbeiten, ehrenamtlich mitzuhelfen?“ Als Türsteher – mit erweiterten Aufgaben: Einkaufswagen desinfizierten und schauen, dass auch jeder einen nimmt. So würden sich die Kunden nicht zu nahe kommen und es wären damit nur so viele Kunden im Laden wie Wagen da sind. Nach kurzer Überlegung sagte Stephie zu.

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Von April an (es wurden drei Monate) stand Stephie mehrmals pro Woche jeweils vier Stunden lang mit Mundschutz, Desinfektionsspray, Handschuhen und Papiertüchern im Eingangsbereich. Ihren neuen Job nahm sie sofort total ernst: Wer sich an ihr ohne Wagen vorbeidrückte, wurde streng zurückgepfiffen. Dann aber lachte Stephie stets. Andrea fiel diese Frau sofort auf. „Die war zu jedem Einzelnen nett. Und hat da einfach ihre Party gefeiert!“ Bis auf die Straße hinaus hörte man Stephie, wie sie neue Sitten im Supermarkt einführte. Bald kuschten auch die schwer Erziehbaren, die Alkoholiker und die schwerhörigen Omas.

Kennenlernen im Supermarkt

Mit Andrea, die in dem Hochhaus wohnte, in dessen Erdgeschoss der Supermarkt steckte, war das von da an ständig so: Sie kam, um eine Zitrone zu kaufen. Dann noch mal: Knoblauch vergessen. Dann war es die Paprika. Ein andermal Milch oder Kaffee.

Stephie wunderte sich darüber, was man immer alles so vergessen kann. Aber auch so fiel ihr diese Kundin auf: „Sie hat immer so gestrahlt. Ein richtiger Sonnenschein! Unsere Blicke haben sich auch oft gekreuzt – manchmal sahen wir uns schon, kurz bevor meine Schicht anfing.“ Kein Zufall. „Aufs Arbeiten habe ich mich immer gefreut. Total motiviert.“ Kein Zufall. „Ich habe darauf gewartet, dass sie kommt, Ausschau gehalten.“

Andrea erinnert sich, dass sie zu „ihren Jungs“ – den Kumpeln – eines Tages sagte: „Die da unten ist echt goldig! Voll süß. Ich glaube, ich muss die mal anquatschen.“ So richtig anquatschen. Denn ein paar Sätzchen hatte sie mit Stephie schon gewechselt. Sie wusste schon, dass sie eigentlich Förderschullehrerin war. „Das fand ich schon total toll! Und dass jemand ehrenamtlich in einem Laden so einen blöden Job macht. Freiwillig! Ohne Geld zu bekommen.“

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Stephie war anfangs etwas überfordert

Wie aber quatscht man eine, die man gut findet, am besten an? Sie überlegte, dann hatte sie eine Idee. Klopapier war gerade der edelste Rohstoff, den es gab. Auf ein Klopapierblättchen notierte sie ihre Nummer, gab sie Stephie, sagte: „Wenn dir mal langweilig ist, komm hoch in den sechsten Stock.“ Dann lief sie weiter.

Den Kassiererinnen kann das ständige Schauspiel und die knisternde Stimmung, wenn sie sich sahen, nicht verborgen geblieben sein. Da sind sich beide sicher. Gesagt aber haben sie nie was.

Stephie meldete sich nicht. „Ich war überfordert damit – hab mich auch nicht so ganz getraut. Ich wusste ja, da muss ich ja anrufen.“ Einen Osterhasen schenkte ihr Andrea trotzdem. Dann schließlich rang sich Stephie durch und fragte Andrea, ob sie denn „ein Eis zusammen essen wollten“. „Jaaaa!“ Keine Frage.

Zufälle gibt’s …

An den Morgen, an dem es dann so weit sein sollte, erinnert sich Andrea noch gut: „Ich war morgens schon voll gut drauf, habe mir ein super Frühstück zusammengebrutzelt, Musik angemacht.“ Dann ein Anruf von Stephie. „Rückzieher.“ Stephie: „Ich wusste echt nicht, ob das so passt.“ Enttäuscht löschte Andrea Stephies Nummer, dachte sich: „Okay, komm, dann lass sein.“ Stephie löschte Andreas Nummer auch. Und Superkundin Andrea mied von da an den Supermarkt.

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Eines Tages aber liefen sie sich dann zufällig in der Gegend über den Weg. Sie sprachen miteinander. Lachten. Gestanden: Ich habe deine Nummer gelöscht. Also noch mal von vorn.

Als Andrea Stephie übrigens zum ersten Mal maskenlos sah, da sei sie keineswegs überrascht gewesen: „Ihr Lachen, ihre schneeweißen Zähne: Genau so hatte ich sie mir vorgestellt!“ Jetzt gehen sie zusammen in ihrem Supermarkt einkaufen. Und können es noch immer nicht fassen, dass ein Virus sie zusammengeführt hat.

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