Krieg gegen die Ukraine

Simulation: Was passiert, wenn eine Atombombe einschlägt?

Nach der Explosion einer französischen Atombombe schwebt ein riesiger Atompilz über dem Mururoa-Atoll. Bis in die 1990er nutzte Frankreich die Inseln für Atomwaffentests.

Nach der Explosion einer französischen Atombombe schwebt ein riesiger Atompilz über dem Mururoa-Atoll. Bis in die 1990er nutzte Frankreich die Inseln für Atomwaffentests.

Auch wenn es nur eine Simulation ist: Was eine einzige Atombombe in einer Großstadt wie Berlin unmittelbar anrichten könnte, lässt sich mit wenigen Klicks in der interaktiven Karte „Nukemap“ erahnen. Auf den Einschlag würde ein Feuerball folgen, der sich über zweieinhalb Quadratkilometer erstreckt. Eine Überdruckwelle, die sich rasant über sechs Kilometer Luftlinie ausdehnt und die Wohngebäude zum Einsturz bringt, die Glasfenster zum Zerbersten. Es gäbe großflächig Brände und Feuer. Wer sich im Freien oder in zerstörten Gebäuden befände, würde während der Explosion erblinden und starke Verbrennungen auf der Haut erleiden.

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+++ Alle Entwicklungen zu Putins Krieg in der Ukraine im Liveblog +++

Dann käme der radioaktive Staub und Schutt. Frühestens 15 Minuten nach dem Einschlag würde er aus mehreren Kilometern Höhe herunterregnen. Die Folge: Gravierende Gesundheitsprobleme bei den Einwohnern und Einwohnerinnen. Übelkeit, Schwindel und geschädigte Körperzellen machten sich unmittelbar bemerkbar, später auch Krebserkrankungen. Bei besonders starker Strahlung wäre es auch möglich, innerhalb weniger Stunden zu sterben. Die Verletzten behandeln könnte vorerst niemand. Die Innenstadt samt Kliniken und ärztlichen Praxen wäre mit dem Einschlag einer Atombombe nahezu komplett zerstört.

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Es wäre ein Szenario drastischen Ausmaßes: Rund 640.000 Tote und 1,3 Millionen Verletzte wären unmittelbar zu beklagen, wenn beispielsweise die „Topol SS-25″, eine Atomwaffe des russischen Raketenarsenals, in der deutschen Hauptstadt einschlagen würde. Die Berechnung der Opferzahlen ist allerdings nur eine grobe Schätzung. Kalkuliert hat das der am Stevens Institute of Technology ansässige Historiker und Nuklearexperte Alex Wellerstein.

Der hatte das Onlinetool bereits 2012 konstruiert – und registriert seit dem Krieg gegen die Ukraine wieder vermehrt Besucher und Besucherinnen auf seiner Homepage. Die spielen mit der „Nukemap“ Effekte einer Atombombenexplosion für unterschiedliche Orte weltweit am Rechner durch. Waren an einem normalen Tag ohne Krise bis zu 20.000 Menschen auf der Homepage, seien es nun mehr als 150.000, sagte Wellerstein Anfang März im Gespräch mit der US-Zeitschrift „The Atlantic“.

Atomkrieg steht nicht kurz bevor

Die Angst vor dem Einsatz von Atomwaffen kommt durch den Krieg gegen die Ukraine wieder hoch. Unter anderem auch, weil Putin vor wenigen Tagen indirekt mit dem Einsatz von Nuklearwaffen drohte und die atomaren Land-, Luft- und Seestreitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzte. Das russische Sicherheitssystem sieht vier Eskalationsstufen vor. Aktuell befindet es sich auf Stufe zwei – also noch weit entfernt von einem tatsächlichen Abschuss von Raketen oder gar einem Atomkrieg, wie Militärexperten zuletzt immer wieder betonten.

Auch Nuklearexperte Wellerstein geht nicht davon aus, dass aus dem gegenwärtigen Krieg gegen die Ukraine auch noch ein Atomkrieg resultiert, wie er am Dienstag auf Twitter verdeutlichte. „Ich bleibe nicht die ganze Nacht wach und mache mir deswegen Sorgen“, betonte er. „Ich glaube nicht, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass das passiert.“ Es gebe zwar die Möglichkeit, aber sie erscheine ihm eher unwahrscheinlich.

Auch die Nato erachtet eine Änderung der Alarmstufen der Nato-Nuklearstreitkräfte bislang nicht als notwendig. Es gebe auch eine Reihe von internationalen Vereinbarungen, die Russland unterzeichnet hat und darin zugestimmt hat, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden könne und nicht geführt werden dürfe, betonte Anfang März Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

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Wettrüsten – auch heute noch eine Strategie

Grundsätzlich besteht seit dem Wettrüsten im Kalten Krieg aber immer die Gefahr, dass es in Konflikten zu atomaren Eskalationen kommen kann. Bislang wurden zwei Atomwaffen in einem Krieg abgeworfen – auf Hiroshima und Nagasaki in Japan. Die US-amerikanische Regierung ordnete das im August 1945 an. Auch heute noch gibt es 13.080 Atomsprengköpfe weltweit, wie das Internationale Friedensforschungsinstitut Sipri festhält. Rund 90 Prozent davon befinden sich, Stand 2021, in den Händen Russlands und der Vereinigten Staaten.

Die USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China – die größten Atommächte – haben auch einen Atomwaffensperrvertrag unterschrieben. Dieses Dekret beschreibt das Verbot der Verbreitung und die Verpflichtung zur Abrüstung von Nuklearwaffen. Momentan sieht es aber nicht danach aus, dass die Welt demnächst atomwaffenfrei würde. Die USA und Russland modernisieren ihre Nuklearwaffen und Trägersysteme in kostspieligen Programmen, China vergrößert sein Arsenal.

„Die Gesamtzahl der Sprengköpfe in den weltweiten Militärbeständen scheint nun zuzunehmen, ein besorgniserregendes Zeichen dafür, dass der rückläufige Trend, der die weltweiten Nukleararsenale seit dem Ende des Kalten Krieges kennzeichnet, ins Stocken geraten ist“, wird Hans M. Kristensen, einer der Leiter vom Sipri-Institut in einer Mitteilung von Mitte 2021 zitiert. Es sehe so aus, dass Russland und die USA den Atomwaffen in ihren nationalen Sicherheitsstrategien wieder mehr Bedeutung beimessen.

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Zudem gibt es inzwischen weitere Staaten, die im Besitz von Nuklearsprengköpfen sind, und die Abkommen nicht unterschrieben haben: Israel, Pakistan, Indien und Nordkorea. Pakistan und Indien sind dem Sipri-Institut zufolge je in Besitz von rund 160 Waffen dieser Art und bauen ihr Arsenal weiter aus. Israel hat 90 Sprengköpfe. Die Angaben, die es zu Nordkorea gibt, sind nicht offiziell bestätigt. Geschätzt wird, dass es rund 40 bis 50 Atomwaffen sein könnten.

Nuklearer Winter selbst bei regionalen Atomkriegen denkbar

Welche Konsequenzen ein globaler Atomkrieg wirklich haben könnte, ist schwer zu kalkulieren. Schließlich gab es so eine Katastrophe glücklicherweise noch nicht. Forschende weisen darauf hin, dass das von der Anzahl und Größe der Waffen, der Regionen, selbst des Wetters zum Zeitpunkt einer Explosion abhängt. Klar ist: Die Opferzahlen wären immens hoch. Die Ereignisse in Hiroshima und Nagasaki haben gezeigt, dass allein die Explosionen von zwei Atombomben sofort mehr als 100.000 Menschen töteten. An Folgeschäden starben bis Ende 1945 weitere 130.000 Menschen – in den nächsten Jahren kamen etliche weitere hinzu.

Fänden zahlreiche Atombombenexplosionen auf dem Globus statt, gäbe es nach der direkten Zerstörung und radioaktiven Strahlung in den Abwurfregionen noch ein weiteres Problem: den nuklearen Winter. Ein Team um den Klimaforscher Alan Robock von der Rutgers University in New Jersey modellierte 2014 verschiedene Szenarien, bei dem hundert kleinere Nuklearwaffen in einem begrenzten regionalen Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan eingesetzt werden. Brächte jede Seite 50 15 Kilotonnen-Waffen in großen Städten zur Detonation, würden so große Mengen Asche und Staub aufgewirbelt werden, dass sich diese in der Stratosphäre über die ganze Erde verteilen, also hoch oben in der Atmosphäre.

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Die Folge: Sonnenlicht käme nur noch erschwert durch die Wolkenschicht. Eis würde sich an vielen Orten weltweit auf Wasser und Land ausbreiten, landwirtschaftliche Nutzpflanzen absterben, Menschen hungern und frieren. Die Asche in der Stratosphäre würde zudem großflächig die Ozonschicht zerstören. Die UV-Strahlung würde ungefiltert auf die Erde auftreffen – mit negativen Effekten für ganze Ökosysteme. Die Forschenden schätzen, dass eine Erholung von derartigen Effekten bis zu zwei Jahrzehnte brauchen könnte.

Das Ziel: Die atomwaffenfreie Welt

„Diese Ergebnisse veranschaulichen einige der schwerwiegenden negativen Folgen des Einsatzes von nur 100 der kleinsten Atomwaffen in modernen Megastädten“, betonen die Forschenden in ihrer Studie. Die USA, Russland, Großbritannien, China und Frankreich hätten Lagerbestände mit viel größeren Atomwaffen, die die 100 untersuchten aus Pakistan und Indien in den Schatten stellten. Mit Blick auf die Gefahren für die menschliche Gesellschaft und andere Lebensformen auf der Erde, die von selbst einer geringen Anzahl von Atomwaffen ausgehen, sollten die Staaten „die dringende Notwendigkeit besser verstehen, diese Gefahr weltweit zu beseitigen“, schreiben die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Allein sind sie mit ihrer Forderung nicht. 2013 wurde beispielsweise das Deep Cuts Projekt ins Leben gerufen. Experten und Expertinnen der Rüstungskontrolle und ehemalige Regierungsbeamte und Beamtinnen aus den USA, Russland und Deutschland erarbeiten darin konkrete politische Handlungsoptionen bei der nuklearen Waffenkontrolle für Politiker und Politikerinnen.

Das Gremium sieht auch gegenwärtig im Krieg gegen die Ukraine noch Spielraum. Bisherige Verträge und Vertragsentwürfe deuteten darauf hin, dass noch „Raum für Verhandlungen besteht“, um gegenseitige Sicherheitsbedenken auszuräumen, heißt es in einer Stellungnahme aus dem Februar. Inhaltliche Diskussionen und Informationsaustausch böten einen Weg, die aktuelle Krise zu stabilisieren und die europäische Sicherheit längerfristig zu stärken.

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