Experte im Interview

„Ziemlich heftiger Start“: Feuerökologe befürchtet Jahr mit vielen Waldbränden in Deutschland

Ähnlich wie 2018 und 2019 gibt es in dieser Feuersaison schon jetzt viele Waldbrände in Deutschland.

Herr Held, es ist Mitte Mai, und in Brandenburg brennt der Wald. Auch im Harz sind dieses Jahr schon drei größere Feuer ausgebrochen. Überrascht Sie das als Feuerökologe?

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Das ist schon ein ziemlich heftiger Start, ähnlich wie 2018 und 2019. Im März hatten wir kaum Niederschlag. Es gibt Ecken in Niedersachen und in Brandenburg, wo es staubtrocken ist. Die Dürre reicht bis zu 1,80 Meter tief in den Boden. Im Harz kommt dazu, dass großflächig die Fichten absterben und schneller brennen als sonst. Auf die freien Flächen knallt jetzt die Sonne. Was da nachwächst, fängt dann eher Feuer.

Alexander Held arbeitet beim European Forest Institute (EFI). 2001 startete er als Feuerökologe bei der Max-Planck-Gesellschaft, wechselte später zum Feuermanagement und war mit dem Global Fire Monitoring Center GFMC in Europa und im südlichen Afrika unterwegs. Er ist Fachexperte in nationalen und internationalen Gremien.

Alexander Held arbeitet beim European Forest Institute (EFI). 2001 startete er als Feuerökologe bei der Max-Planck-Gesellschaft, wechselte später zum Feuermanagement und war mit dem Global Fire Monitoring Center GFMC in Europa und im südlichen Afrika unterwegs. Er ist Fachexperte in nationalen und internationalen Gremien.

Kann man grob abschätzen, wie die Waldbrandsaison in Deutschland dieses Jahr ausfällt?

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Es ist auffällig, dass es schon jetzt sehr viele Feuer mit hoher Warnstufe gibt, und das sehr früh im Jahr. In diesem Sommer könnte es überdurchschnittlich viele Waldbrände geben. Das ist zu befürchten. Brände kommen zwar immer wieder vor, aber üblicherweise nicht mit so einer Frequenz. Die Feuersaison läuft eigentlich zwischen März und Mai, wenn die Sonne auf wintertrockene Vegetation trifft. Ein zweiter Höhepunkt ist während der Trockenphasen im Juli und August. Dieses Jahr grünt die Vegetation vielerorts aber verspätet, weil es so trocken ist. Das macht die Wälder anfälliger.

Gibt es typische Waldbrand-Hotspots in Deutschland?

Die üblichen Verdächtigen sind Niedersachsen, Brandenburg, Teile von Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Die Gebiete hatten schon immer ein hohes Risiko für Waldbrände. Einmal durch die trockene Witterung im Sommer. Aber auch wegen der Sandböden, in denen kaum Wasser gespeichert wird. Wir Menschen haben aber auch unseren Teil dazu beigetragen.

Wie meinen Sie das?

Wir haben jahrelang vor allem Kiefern gepflanzt, darunter wächst Gras und Heidekraut. Das ist ungünstig. Besser wäre ein reich strukturierter Mischwald mit verschiedenen Baumarten, die auch unterschiedlich alt sind. Es gibt dann weniger Wind, Wasser wird besser gespeichert. Im Mischwald wird die Biomasse deutlich weniger schnell brennbar als im Kiefernwald.

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Extremwetter mit Hitze und Gewittern: „32 Grad im Mai ist schon rekordverdächtig“

In dieser Woche wird mancherorts die 30-Grad-Marke geknackt. Zu den warmen Temperaturen gesellen sich Richtung Wochenende aber auch teils starke Gewitter.

Welche Rolle spielt der Klimawandel bei der Zunahme von Bränden in Deutschland?

Wir denken immer, ein Waldbrand ist ein Unfall. Aber es ist vielmehr Teil eines größeren Systems, das wankt. Es gibt sehr viele Belege dafür, dass unsere Landschaften durch den Klimawandel brennbarer werden. Durch den Klimawandel gibt es häufiger Extremwetter, also auch längere Trockenphasen. Das begünstigt die Brände. Auch da, wo es früher eigentlich überhaupt kein Thema war. Wir hatten diese Saison zum Beispiel schon zwei Brände im Schwarzwald, glücklicherweise sehr kleine.

Wir müssen uns also auf mehr Waldbrände einstellen?

Der Klimawandel wird sich verschärfen. Es ist damit zu rechnen, dass in den nächsten Jahrzehnten an immer mehr Stellen Feuer entstehen und Schäden anrichten. Es wird sehr wahrscheinlich häufiger Extremjahre geben, in denen schlagartig zehnmal so viele Brände wie in einem durchschnittlichen Jahr entstehen. Das trifft uns alle. Es reichen schon ein paar Hektar Brand, die dazu führen, dass in der Nähe Wohnhäuser, Autobahn und Zugstrecke gesperrt und evakuiert werden.

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Alle reden über Waldbrände. Gemacht wird aber nur wenig.

Und was lässt ein Feuer im Einzelfall entstehen?

Auslöser können Brandstifter sein. In der Masse passieren die Feuer bei uns aber durch Unachtsamkeit. Forstliche Arbeiten sind ein großes Thema, der Funkenschlag durch Motorsägen ist beispielsweise ein Problem. Klar kann auch die weggeworfene Zigarette ein Feuer auslösen. Das passiert aber eher selten. Unsere Buchen und Eichen haben historisch betrachtet auch wenig Anpassungsmechanismen entwickelt, um mit Feuer klarzukommen. Da reicht auch schon ein Feuer mit geringer Intensität aus, um die Bäume zu schädigen.

Nimmt Deutschland die zunehmende Waldbrandgefahr ernst genug?

Alle reden über das Thema. Es gibt zahlreiche Arbeitskreise – bei den Feuerwehren, den Landesministerien, im Innenministerium. Es gibt Krisentreffen in der Forstwirtschaft. Gemacht wird aber nur wenig. Es gibt viele Baustellen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umbau von Wäldern. Darüber reden wir seit über 30 Jahren. In der Fläche kommt man aber offensichtlich nicht voran. Sonst hätten wir momentan nicht mit solchen Feuern zu kämpfen.

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Die Feuerwehr allein kann das Problem auch nicht lösen. Prävention wäre, langfristig Strukturen im Wald anzulegen, damit erst gar kein Brand entsteht oder dieser sich weniger ausbreitet.

Wo hakt es konkret?

Um robustere Mischwälder auf großen Flächen zu etablieren, braucht es rein technisch gesehen eigentlich nur wenige Jahre. Dafür müssten aber verschiedene Akteure zusammenarbeiten. Der Förster muss zum Beispiel schauen, dass ausreichend Licht auf die Erde kommt, damit Jungpflanzen wachsen können. Der Jäger muss mehr Rehe erlegen, damit Jungpflanzen nicht weggefressen werden. Auch die Zuständigkeiten in der Waldbrandprävention sind in Deutschland nicht klar geregelt. Das Waldgesetz sagt, der Eigentümer muss handeln. Eigentlich bräuchte es aber eine nationale Strategie und eine überregionale Koordinierungsstelle, die alle Akteure zusammenbringt und berät.

Was verstehen Sie unter Waldbrandprävention?

Die Feuerwehr versteht darunter zum Beispiel das Bauen von Wegen für Fahrzeuge und Anlagen für Löschwasser. Aber eigentlich ist das die Einsatzvorbereitung für den Worst Case – wenn der Wald schon brennt. Die Feuerwehr allein kann das Problem auch nicht lösen. Prävention wäre, langfristig Strukturen im Wald anzulegen, damit erst gar kein Brand entsteht oder dieser sich weniger ausbreitet. Gleichzeitig müssen die Feuerwehren aber natürlich auf größere und häufigere Brände vorbereitet werden.

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Sind sie das noch nicht?

Erst diese Woche wurde mir berichtet, dass im Wendland 200 Feuerwehrleute ausgerückt sind. Es hieß, dass 14 Hektar Fläche brennen – was sehr viel ist. Am Ende stellte sich heraus, dass es nur 1,4 Hektar waren. Das zeigt, dass niemand vor Ort die Lage wirklich einschätzen konnte. Die Bundesländer kaufen jetzt zwar im großen Stil Waldbrandfahrzeuge und installieren Kamerasysteme im Wald, bilden ihre Feuerwehrleute aber noch nicht genug und umfassend speziell auf Waldbrände hin aus.

Auf welche Szenarien stellen Sie sich ein, wenn das Tempo bei Feuermanagement und Waldumbau nicht zunimmt?

Wenn der Waldumbau weiter so schleppend vorangeht, kippen unsere Landschaften schneller um und brennen. Das würde auch bedeuten, dass noch einmal mehr CO₂ in die Atmosphäre gelangt. Es wird dann immer schwieriger, die Klimaziele zu erreichen. Bäume speichern in großem Stil Kohlenstoff. Gleichzeitig haben unsere Freiwilligen Feuerwehren immer mehr Probleme, Nachwuchs zu finden. Da mache ich mir schon Sorgen. Wer soll die Brände in Zukunft eindämmen?

Natürlich kann man nicht jedes Feuer direkt eliminieren oder präventiv verhindern. Aber wir sollten uns besser darauf vorbereiten – und uns auch mit unseren südeuropäischen Nachbarn wie Spanien und Portugal vernetzen. Die wissen inzwischen schon ein wenig besser, wie man mit Großbränden umgeht.

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